1-2-3 e.V.

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„Süchte und Suchtprävention“ - was können wir Eltern tun?

  

Ansprechpartner:   Wilfried Kohl    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

  

Wir sind nicht machtlos als Eltern, auch wenn wir uns nicht selten machtlos fühlen.

 

Wir haben einen Auftrag als Eltern für unsere Kinder in der Erziehung, die Grenzen aufzeigen soll und trotzdem auch Freiheiten gewähren soll. Dies ist oftmals ein Jonglieren oder ein Balanceakt, wie Klaus Hurrelmann und Gerlinde Unverzagt in ihrem Erziehungsreißer mit dem Titel: „Kinder stark machen für das Leben“ meinen. Oder kommt es in der Erziehung auf die richtige Dosierung an? Eine kräftige Mischung von Liebe geben, Regeln setzen und Selbständigkeit fördern.

 

Soviel will ich Ihnen jetzt schon verraten, das Erziehungsrezept für Ihre Kinder, Ihr Kind oder Jugendliche, werde ich Ihnen nicht anbieten können. Das können Sie sich nur selbst mixen.

 

Sie sind und bleiben die Erziehungsexperten Ihrer Kinder. Alles was ich Ihnen biete, sind nur Anregungen und Gedankenanstöße. Die Umsetzung bleibt auch Ihnen bei Ihren Kindern nicht erspart. Wie es uns - meiner Frau und mir bei unseren nicht erspart blieb. Das etwas negativ klingende Wort "erspart" wurde bewusst gewählt, da Fehler in der Erziehung uns leider auch nicht erspart bleiben. Aber man kann, wie das Sprichwort sagt, aus Fehlern lernen. Elternsein ist auch ein Lernprozess.

 

Nun zum ersten Wort der Überschrift des Themenabends „Süchte“ oder lassen sie es mich klarer umreißen, süchtiges Verhalten bei Kindern und Jugendlichen.

 

Über das Internet www.bzga.de können Sie sich die neuesten Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland zur Drogenaffinität (-neigung oder -verbundenheit) herunterladen.

 

Diese Repräsentativerhebung wird seit 1973 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (abgekürzt BZgA) über das Forsa-Institut durchgeführt.

 

Befragt werden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren

 

(Computergestützte Telefoninterviews mit 3000 Jugendlichen).

 

Diese Studie könnte für einen Abend abendfüllend sein, darum verkürze ich sie um ein paar Zahlen und Trends.

 

1. zur Droge Alkohol:

 

· fast alle Jugendlichen haben Erfahrungen mit Alkohol (92 % d. Befragten)

 

· 1/3 der Jugendlichen trinkt regelmäßig Alkohol (überwiegend Bier, mind. Wöchentlich bis täglich). Dies sind ca. 200000 Jugendliche in ganz Deutschland, davon doppelt so viel Jungen, wie Mädchen.

 

· darunter befinden sich auch Jugendliche, die Extremerfahrungen mit Alkohol machen - sog. Komatrinker - trinken bis zum Umfallen

 

· dagegen trinkt ein weiteres Drittel der Jugendlichen selten oder nie Alkohol

 

· das durchschnittliche Einstiegsalter für Alkoholkonsum liegt bei 14,2 Jahren

 

2. zur Droge Nikotin (rauchen):

 

· fast 70 % der Jugendlichen raucht (gleicher Anteil Jungen und Mädchen)

 

· trotzdem ist ein Trend zum Nichtrauchen vorhanden

 

· das durchschnittliche Einstiegsalter ist 13,9 Jahre

 

3. zu den Medikamenten und deren riskanten Umgang (riskant meint: nicht ärztlich verordnet und/oder überdosiert eingenommen):

 

· hierzu wissen wir zu wenig

 

· das Einstiegsalter für Kopfschmerzmittel dürfte bei ca. 5 Jahren liegen

 

· für das Mittel Retalin bei 6 Jahren

 

· für Coffein bei 8 Jahren

 

4. zu den illegalen Drogen:

 

· ca. 27 % der Jugendlichen haben mindestens einmal eine illegale Droge probiert (fast ausschließlich Cannabis)

 

· 4 % sagen, sie hätten Extasy probiert

 

· 3% Amphetamine

 

· 2% LSD und ebenfalls 2% Kokain

 

· 0,3 % Heroin und 0,2 % Crack

 

· das Einstiegsdurchschnittsalter ist:

 

für Cannabis bei 16,7 Jahren

 

für XTC und Speed bei 17,2 Jahren

 

für Heroin bei 18 Jahren und für Kokain mit 18,3 Jahren.

 

 

Was sagen diese Zahlen und Trends?

 

1. Sucht ist ständiges Thema bei Jugendlichen - wie bei uns Erwachsenen im Alltagsdrogenbereich auch (ein Slogan der Suchtprävention lautet: „ vom Geniessen zur Sucht sind die Grenzen fließend...“)

 

2. auch wenn sich die Erfahrungen mit Drogen bei Jugendlichen vielfach auf Experimentier- und Probierkonsum beschränken

 

3. erste Erfahrungen mit Drogen (nämlich mit den Alltagsdrogen in der Reihenfolge Medikamente, Koffein, Nikotin und Alkohol) werden im Elternhaus und im Bekanntenkreis der Familie gemacht

 

4. Experten beobachten Tendenzen wonach Rauchen die Wahrscheinlichkeit für intensiveres Alkoholtrinken erhöht und häufige Alkoholrauscherfahrungen erhöhen bei Jugendlichen die Wahrscheinlichkeit des Konsums von Haschisch. Und der Cannabiskonsum vermindert offensichtlich die „Schwellenangst“ auch andere illegale Drogen zu probieren.

 

5. Die Studie sieht aber auch einen positiven Trend, wonach regelmäßiger Konsum langfristig rückläufig ist. Es lässt sich auch ein deutlicher Zusammenhang zwischen Gesundheitsbewusstsein und abstinenten Verhalten sehen.

 

 

Ich rede fortlaufend von Sucht oder Süchten - aber was ist Sucht?

 

„Sucht“ - selbst - lässt sich als ein zwanghafter Drang zur Herbeiführung, Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung eines als subjektiv optimal empfundenen Befindlichkeitszustandes definieren." (aus: Siegfried Bäuerle, „Der suchtgefährdete Schüler, Regensburg, 1993, S. 7) Man könnte auch von einem Glücksgefühl, „Glücksrausch“ sprechen.

 

Herr Prof. Dr. Dr. Tretter aus München, definierte Suchtabhängigkeit bei einer von mir besuchten Expertentagung 1997 in Würzburg als unstillbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebnis, dem die Kräfte des Verstandes untergeordnet werden.

 

Wichtige Kriterien für eine Suchterkrankung ist die Feststellung des „Kontrollverlustes“ und der „Abstinenzunfähigkeit“.

 

„Hinter jeder Sucht", so heißt ein altbekannter Slogan der Suchtprävention „steckt eine Sehnsucht" oder man könnte auch sagen, dass Rauchen, Alkohol, oder Spritzen von illegalen Drogen eine bestimmte Funktion hat, als da sein könnte:

 

· Zigarettenrauchen gilt als „Erwachsensein" - mit dem „Stengel" in der Hand bin ich älter·

 

· kann eine Protesthaltung gegenüber der Erwachsenenwelt sein·

 

· kann eine Zugangsmöglichkeit zu einer Freundesgruppe eröffnen - „wenn du mitmachst gehörst du zu uns" (Gruppendruck)·

 

· kann zum Abschalten und Entspannen dienen

 

· kann dazu verhelfen, unangenehme Gefühle, wie Einsamkeit, innere Leere, Unbeachtetsein, Unerwünschtsein, Kränkungen kurzfristig nicht mehr spüren· zu müssen, (z.B. auch Liebeskummer)·

 

· kann aber auch dazu dienen bestimmte Stimmungen und Zustände herbeizuführen (z.B. XTC und Rave)·

 

· kann auch Neugierde sein· kann die Suche nach grenzüberschreitenden, bewusstseinserweiternden Erfahrungen und Erlebnissen sein·

 

· kann der Ausdruck eines sich Ausreizenwollens sein („ein bisschen kaputt sein, gehört einfach dazu")·

 

· kann eine Unmachtsreaktion sein - Flucht vor unerträglichen Lebensbedingungen und Überforderung·

 

· kann Experimentierverhalten sein

 

Petra Andreas Siller, eine Sozialpädagogin, meinte 1992 in einem Artikel: „Die beste Suchtprävention wird nicht verhindern, dass Jugendliche mit legalen und illegalen Mitteln experimentieren. Sie werden auf den Straßen herumrasen (trotz Tempo 130); Haschisch rauchen, Bier trinken und viereckige Augen vom Fernsehen (heute müsste man ergänzen PC) bekommen .... Psychisch gesunde und sozialintegrierte Jugendliche werden daran keinen Schaden nehmen." (aus: Jugend & Gesellschaft Nr. 3/92)

 

In der Fachwelt ist man sich einig, dass die Entstehung von Sucht komplex ist und damit viele und verschiedenste Ursachen hat.

 

Erklärt wird dieses Ursachengefüge mit dem konstruierten Dreieck „Person-Droge-Umwelt“. Die Wissenschaft kann die Suchtentstehung bis dato nicht eindeutig erklären.

 

Die Psychoanalyse nach Freud nennt als mögliche Ursache frühkindliche Persönlichkeitsstörungen. Drogen dienen dabei als Ventil. Präventiv wäre der Erhalt einer intakten Mutter-Kind-Beziehung.

 

Die Lerntheoretiker meinen „Suchtverhalten“ wird erlernt. Lernen am Modell Eltern, Lernen in der Gleichaltrigengruppe, Clique oder sog. Peer-group.

 

Die Soziologe meint unsere Wohlstandsprobleme sind mit schuld - Stressfaktoren, Leistungsüberforderungen und Verwöhnung andererseits, Stichwort wie Anonyme Gesellschaft und widersprüchlicher Wertepluralismus - Orientierung fällt schwer.

 

Oder letztlich gäbe es keine Drogen, dann gäbe es auch keine Suchterkrankung.

 

Felix von Cube, ein Verhaltensbiologe, den ich erst kürzlich hörte, meint letztlich, Sucht ist ein Verwöhnungsprodukt unserer fehlgeleiteten Erziehung, die statt zu fordern ausschließlich verwöhnt. Slogans von ihm sind „Lust machen für Leistung“ und „Abenteuer statt Langeweile“ durch gelebte Erlebnisse. Konrad Lorenz schreibt in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“: „Die Entwicklung der modernen Technologie und vor allem Pharmakologie, leistet dem ... allgemeinmenschlichem Streben nach Unlustvermeidung in nie vorher dagewesenen Maße Vorschub.“ Stichworte dazu sind: Komfort, Bequemlichkeit, tödliche Langeweile, Laufenlassen und Abschlaffen, aber auch das Gegenteil von Verwöhnung „keine Zeit haben“, Vernachlässigung, alleinige materielle Zuwendung.

 

Immer wieder „untermauern“ auch genetische Untersuchungen, dass Sucht auch biologische Ursachen haben könnte - ist Sucht also erblich? Eine letzte Antwort hat die Biologie und Medizin darauf noch nicht gefunden. Das Sucht-Gen wurde noch nicht entdeckt.

 

Der schon einmal zitierte Prof. Dr. Dr. Dr. Tretter, Ärztlicher Leiter der Suchtabteilung im BZK Haar b. München, plädiert für eine übergeordnete Betrachtungsweise des Phänomens Sucht und sieht hinter der Sucht vielfach eine gestörte - unausbalancierte Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt.

 

Was ist Suchtprävention - das zweite Wort meiner Themaüberschrift?

 

Wenn Suchtprävention wörtlich übersetzt wird, heißt es Süchten mittels Strategien zuvorkommen, oder vor Suchterkrankungen bewahren.

 

Heutige Strategien in der Suchtprävention „schrecken“ nicht mehr ab durch „Endzeitzenarien“ wie Tod, Gerippe, Krankheit oder Knast, sondern wollen Kindern und Jugendlichen durch gezielte frühzeitige Förderung helfen, ihre Welt besser zu verstehen, sich Fähigkeiten (Lebenskompetenzen) anzueignen und ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen. So ist ein Slogan der Suchtprävention „Leben lernen ohne Manipulation durch Drogen“, was letztlich Suchtprävention als Erziehung zum Leben für gegenwärtige Anforderungen entschlüsselt.

 

Diese Anforderungen an Kinder und Jugendliche sind eng mit deren Entwicklungsaufgaben verknüpft, die sich nicht nur auf die Zeit der Pubertät beziehen.

 

Damit werden diese Fähigkeiten zu sog. Schutzfaktoren, die vor oder in seelischen Krisen helfen sollen und vor Drogenmissbrauch schützen.

 

In einer Längsschnittstudie über 20 Jahre der sog. Kauai-Studie wurde der Lebenslauf von Kindern hin zum Erwachsenenalter von den Amerikanern Werner und Smith untersucht und dabei wurde sog. Schutzfaktoren entdeckt, die Kinder trotz Armut, Trennung der Eltern zu lebenstüchtigen Erwachsenen werden ließ.

 

Gemäß dieser 1954 begonnenen Studie sind Schutzfaktoren im Kind:

 

· ein angenehmes Temperament, liebenswerte Eigenschaften

 

· die Fähigkeit, sich helfen zu lassen

 

· altersangemessene Kommunikationsfähigkeiten (Lesefähigkeit)

 

· Steuerung der Aufmerksamkeit und der Impulse

 

· Interessen und Hobbies haben

 

· positives Selbstkonzept

 

· verinnerlichte Kontrollüberzeugungen haben (das darf ich tun und dies muss ich lassen)

 

· einen Bildungswillen haben

 

(von uns zu ergänzende, oder anders formulierte Schutzfaktoren für das Kind, den Jugendlichen wären:

 

· angenehme Gefühle genießen können und mit unangenehmen Gefühlen umgehen können

 

· in seinen Körper reinwachsen und sich mit sich selbst wohlfühlen

 

· liebesfähig sein

 

· Konfliktfähig sein

 

· Entscheidungen fällen können, z.B. auch nein sagen

 

· Antworten auf Sinnfragen haben

 

· Fantasie und Kreativität haben)

 

Die o.g. Kauai-Studie, die 1982 in New York mit dem Titel: „vulneralbe but invincible“ - verletzlich aber unbesiegbar - und hier sind die untersuchten Kinder gemeint, die unter hohen Entwicklungsrisiken aufwuchsen, nannte noch weitere Schutzfaktoren bezogen auf die Lebenswelten der Kinder:

 

· umfassende Aufmerksamkeit, die dem Kind im ersten Lebensjahr zuteil wird

 

· zusätzliche Fürsorgepersonen neben der Mutter

 

· emotionale Unterstützung durch andere Familienangehörige oder Nachbarn

 

· Strukturen und Regeln im Haushalt/ in der Familie

 

· verfügbare Beratungsangebote, z.B. durch Lehrer

 

· geteilte Werte und ein Sinn für Zusammengehörigkeit - wir würden vielleicht vom Wir-Gefühl sprechen

 

(aus: Das Gesundheitswesen, 63. Jg. Aug. 01, S106 „Kindliches Wohlbefinden trotz riskanter Lebensbedingungen: Neue Ergebnisse der Resilenzforschung“, G, Opp)

 

Die BZgA hat in einer ihrer letzten Forschungsreihen zur Praxis der Gesundheitsförderung „Familienumwelten im Spiegel der Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern“ untersucht und dabei versucht familiäre Schutzfaktoren und sog. Risikofaktoren gegenüberzustellen.

 

Familiäre Schutzfaktoren

Familiäre Risikofaktoren

Unterstützung/ Einfühlung/ Verständnis

mangelnde Unterstützung/Einfühlung, kein Verständnis

Unterstützung von autonomen/unabhängigen Verhalten

überbehütendes, überinvolviertes, überbesorgtes Verhalten, kein   Freiraum

Wärme

mangelnde Wärme

aufmerksame Kontrolle (durch Eltern)

autoritäres Kontrollverhalten

harmonisches Familienklima

mangelnde Harmonie in der Familie

Öffnung der Familie nach außen

soziale Isolation der Familie nach außen

Zutrauen in den Rat der Eltern

Rat der Freunde wird mehr geschätzt als der der Eltern

Kind lebt mit beiden biologischen Elternteilen

broken home

Offenheit im Umgang miteinander

keine Offenheit im Umgang miteinander

wenig kritische Lebensereignisse

Häufig kritischer Lebensereignisse

klare Grenzen

unklare Grenzen

Verfügbarkeit der Eltern

Nicht-Verfügbarkeit der Eltern

weniger als vier Geschwister

mehr als vier Geschwister

Zusammenhalt der Familie

Gleichgültigkeit der Eltern

gemeinsame Familienaktivitäten

verwöhnender oder ablehnend autoritärer Erziehungsstil

erfolgreiches Vorleben oder Vermitteln von Werten und   Einstellungen

Leistungsdruck und hohe Erwartungshaltung

Möglichkeit, in Konflikten gemeinsame Entscheidungen   auszuhandeln

sehr viele oder gar keine Konflikte

 

Eltern oder Geschwister als negative Modelle

 

(aus: „Schutz oder Risiko?“, Band 11, BZgA, Köln 2000)

 

(Durch Literaturstudium wurden von der BZgA auch günstige und ungünstige Kommunikationsmerkmale in und für Familien zusammengetragen.

 

Ich will nur einige Ausgewählte nennen:

 

· annehmende/zustimmende Gesprächsatmosphäre

 

· unterstützende und zuwendende Gesprächshaltung gegenüber einer abwertenden, angreifenden, kritischen Gesprächshaltung

 

· Zuhören gegenüber Desinteresse

 

· gleichmäßige Redanteile gegenüber einseitigen Redeanteilen

 

· nachfragen und klären wollen gegenüber stereotypen Antworten (z.B. du weißt eh immer alles besser)

 

· ganz schlecht ist drohen - wenn du nicht, dann (vor allem leere Drohungen) )

 

Förderlich für jeden Tag, den wir leben, ist Optimismus.

 

Förderlich für unsere, zugegeben nicht leichte Aufgabe als Eltern, ist eine positive Sicht im Sinne, „das schaffen wir gemeinsam“ - „zusammen sind wir stark“.

 

„Kinder stark machen“ - nach dem Slogan der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung geht nur, wenn wir auch als Eltern stark sind und unsere Stärken unseren Kindern vorleben und auch weitergeben können. Stärke ist jedoch nicht zu verwechseln mit unnötiger Härte und dem Erziehungsstil „autoritär“.

 

Und jetzt sind wir mittendrin im 3. Teil unseres Themenabends - Was können wir als Eltern tun?

 

Suchtexperten sprechen von den Suchterkrankungen als einer Familienkrankheit und sehen dahinter, wie auch ich schon vielfach in Gesprächen mit Suchtmittelkranken erahnen konnte, enttäuschte, gekränkte, „kaputte“ Beziehungen zu Partner, Eltern und Kindern (oftmals über Generationen hinweg.)

 

„Wenn ich ernst genommen werden würde, dann ....

 

„wenn sie nur wieder mit mir reden würden“....

 

„wenn ich das nur ansprechen könnte“....

 

„hör du erst mal mit dem Trinken auf, dann.... solche Äußerungen habe ich schon zuhauf gehört.

 

Partner- und Familiengespräche sind dann die Chance, die vielfach aufgeworfene „Schuldfrage“ zu klären und eventuell wieder zu gemeinsamen Vereinbarungen zu finden.

 

Erlanger und Nürnberger Kolleginnen und Kollegen entwickelten mit Eltern an Elternabenden in Kindergärten und Kindertagesstätten „das Wohlfühlhaus“.

 

Die Gedankenanstöße des Wohlfühlhauses sind nach meinem Dafürhalten ein guter Erziehungsbegleiter nicht nur für die Kindergartenzeit, sondern auch darüber hinaus.

 

„nimm mich ernst“ ist nicht nur die Botschaft an die Eltern, sondern auch an das Kind „bitte, nimm uns Eltern ernst“ - wir wollen dir Gutes und unser Wunsch an dich ist nicht als Vorschrift zu verstehen. Ernst-Nehmen der Jugendlichen heißt nicht stets konform gehen mit den Wünschen und Vorstellungen, doch miteinander im Gespräch bleiben - was nicht automatisch heißt stets streiten zu müssen. Verschiedene Positionen müssen wir auch im „Geschäftsleben“ anerkennen.

 

„gib mir Lob und Anerkennung“ - ich glaube wir sind eine Gesellschaft, die sich wenig lobt und Anerkennung ist bei uns kleingeschrieben, aber wenn wir es als Eltern und auch als Erzieher, Sozialpädagogen es nicht schaffen mit positiven Verstärkern zu arbeiten - wie soll es dann in unserer Gesellschaft anders werden.

 

Jedes Lob ist ein innerer Antrieb und zergeht einem wie Schokolade auf der Zunge.

 

Süßigkeiten und materieller Ersatz können dies nicht wett machen. Ist Loben nicht besser als Klamotten einkaufen gehen oder was sie sich sonst gerne kaufen würden.

 

Loben kann man üben, indem Mann/Frau sich jeden Tag Gelungenes sagt - bevor Mann/Frau wieder anfängt zu schimpfen. Was einem nicht behagt hat, merkt man sich leider viel zu leicht.

 

„Väter sind wichtig!“ - nicht nur für´s Loben; was natürlich meint, das wir vor allem Loben (denn wir können es vielleicht am schlechtesten).

 

Väter sind noch immer verrufen als Erziehungsinstanz für den Notfall - oder wenn die lieben Kleinen oder Großen wieder etwas angestellt haben. Nein wir sind nicht nur für den Ernstfall da, sondern auch für den Alltag unserer Kinder, als „Tobemaschine“, Bastel- und Ideenshop, als Gute-Nacht-Geschichten-Erzähler, als Mathematikgenie und Diktatdiktierer, Geschirrabspüler und vielleicht auch zuständig für Hausputz, für die Streichel-Einheiten und vieles, vieles mehr. Auch wenn darum geht mehr Taschengeld zu erhalten sind wir wichtig.

 

„nimm dir Zeit für Gespräche und laß mich bitte ausreden“ - schon die ersten drei Worte sind eine Herausforderung für uns Eltern - nimm dir Zeit, nehmt euch Zeit... und dann noch für Gespräche und ausreden lassen. Gespräche haben auch mit Zuhören und Verstehen zu tun und mit „Ernst nehmen“

 

Verlangen Sie jetzt bitte keinen Zeitplan von mir wie oft sie für Gespräche Zeit haben sollen, wenn es nach uns Pädagogen geht „quatschen“ wir doch immer.

 

Bei ihren Gesprächen mit ihren Kindern soll aber auch „was ´rum kommen“ - sprich Verständnis für einander. Das ist nicht nur in der Ehe oder Partnerschaft ständig mit-einander zu üben. Sie wissen wo noch überall.

 

„bespreche Streit offen mit mir und löse Konflikte“ - Streit muss mit Versöhnung enden könnte so eine familiäre Regelung sein. „Schreien, Weinen und Schimpfen ist erlaubt - „beißen und schlagen“ aber verboten.

 

Der Umgang mit Aggressionen muss gemeinsam geübt werden, manchmal sind auch wir Eltern, Vater oder Mutter übertrieben laut.

 

„Fehler zugeben, dass ist schwer - doch wir kommen nicht umhin dies auch als Vater und Mutter zu tun - all zu leicht verdächtigen wir unserer lieben Kleinen, derweil haben wir zuletzt die Dinge in der Hand gehabt, die wir in unserer Vergesslichkeit wieder suchen. Viel notwendiger sind Entschuldigen unsererseits bei unseren Kindern bei noch schwerwiegenderen Fehlern, wenn wir wütend waren und uns gar die „Hand ausruschte“.?

 

Leider kann ich Ihnen nicht das ganze Wohlfühlhaus im Detail ausführen - vor allem nicht ihr eigenes Wohlfühlhaus, denn dies müssen sie sich selbst mit Ihren Kindern bauen. (Vielleicht werden ihre hoffentlich zahlreichen Fragen und die Diskussion noch einiges streifen, so dass der Gedanke des Wohlfühlhauses vielleicht noch klarer wird.)

 

Notwendig sind auch sinnvolle Grenzen, dem Alter ihrer Kinder entsprechend und auch Ihrem eigenen Alter - denn auch wir Eltern haben Grenzen.

 

Hoffentlich auch Grenzen in unserem Konsum, weil sonst lernen unsere lieben Kleinen nur Fernsehschauen, rauchen und Biertrinken von uns. Welch schlechte Angewohnheiten und dabei machen wir es uns doch nur gemütlich.

 

Gemütlich dürfen wir es uns jedoch nur selten machen als Eltern.

 

Und von wegen wie das „HB-Männchen“ in die Luft gehen:

 

„Wenn ihr Sohn sich das nächste Mal weigert, seine Hausaufgaben zu machen oder ihre Tochter zu allem „nein“ sagt, versuchen sie doch zuerst einmal, etwas Abstand zu gewinnen.“ „Wenn sie wieder etwas Luft kriegen, verändern sich ihre Gefühle automatisch mit.“

 

Wer könnte uns so beraten, ein Psychologe und eine Journalistin, Klaus Hurrelmann und Gerlinde Unversagt in ihrem Buch „Kinder stark machen für das Leben.“

 

Sie merken auch wir Erwachsenen brauchen starke Nerven. Starke Nerven für uns selbst und für unsere Kinder. Ich nehme an wir sind täglich gefordert. Dazu wünsche ich uns weiterhin gutes Gelingen.

 

Dieses „uns“ soll nicht nur uns als Eltern meinen, sondern den Verein 1-2-3 e.V., die Gemeinde, die Schule, das Jugendamt, das Gesundheitsamt, die örtlichen Sportvereine usw. Nur wirklich gemeinsam kann uns Suchtprävention gelingen.

 

Renate Heinisch hat in einem Buch mit Titel „Der suchtgefährdete Schüler“ folgende Forderungen aufgestellt:

 

1. „ Gemeinsam nicht einsam - (der Erfolg liegt in der Kontinuität von mir ergänzt)

 

2. Alle reden über Drogen und Suchtgefährdung - wir reden mit unseren Kindern und Jugendlichen

 

3. Alle reden über Verführung, wir reden mit unseren Kindern und Jugendlichen

 

4. Alle reden von Verantwortung - wir geben unseren Kindern und Jugendlichen Antworten

 

5. Alle reden über Suchtverhalten - wir geben unseren Kindern und Jugendlichen Halt

 

6. Alle reden über Zeit - wir haben Zeit für unsere Kinder und Jugendlichen.“

 

(Siegfried Bäuerle, Der suchtgefährdete Schüler, Regensburg 1993, S. 254)

 

Wilfried Kohl/ Okt.01

 

Literaturangaben:

 

· Alles klar?!, BZgA, Köln, Bestell Nr. 32010000

 

· Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Bd. 7, Starke Kinder brauchen starke Eltern, BZgA,Köln 1999

 

· 2000 Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Bd. 11, Schutz oder Risiko?, BZgA, Köln

 

· Felix von Cube, Fordern statt verwöhnen, 13. Aufl., München, April 01

 

· Das Gesundheitswesen, 63 Jg. Aug. 2001, Akademie für das öffentliche Gesundheitswesen im Bayer. Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz

 

· Klaus Hurrelmann, Gerlinde Unverzagt, Kinder stark machen für das Leben, 4.Aufl., Freiburg i.B. 1998

 

· Schule ohne Drogen, flyer LRA Fürth, Arbeitsbereich Prävention 1. Aufl. 2000

 

· Initiative Drogenprophylaxe der Stadt Karlsruhe 1992, flyer „Wie Sie Ihre Kinder ermutigen können, Drogen zu nehmen“

 

· PARTNER MAGAZIN 04/01, Nicol Verlag, Kassel

 

· Eckhard Schiffer, Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde, 3. Aufl., Weinheim, 1993

 

· Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2001, BZgA, durch forsa, Berlin unter www.bzga.de

 

· Skript „Das Wohlfühlhaus“, Landratsamt Erlangen-Höchstadt, Luitgard Kern und Ottmar Stadtmüller, Mai 2001

 

· Dr. Felix Tretter, Zur Ökologie des Suchtproblems: Über das Missverhältnis von Umweltbeziehungen in: Suchtreport Nr. 5 Sept./Okt. 2001

 

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